Der Käpt’n bin ich!

«Ich bin verwirrt», schreiben mir Freunde. «Ich bin dünnhäutig. Es ist alles so surreal. Abends ist es am schlimmsten, das Alleinsein. Mich verlässt langsam der Mut.» Ich lese das und drehe an meinem Ring. Mir fällt auf, dass ich das oft tue in letzter Zeit. Ich trage diesen Ring, ein schlichtes Silberband mit einem kleinen eingefassten Opal, seit Jahren Tag und Nacht. Der Stein ist mittlerweile vom vielen Tragen stumpf geworden. Wenn das Licht im richtigen Winkel drauffällt, kann man sie trotzdem noch erkennen, eine winzige halbmondförmige Bucht, umspült von einem kleinen Ozean. Mein Meer in einer Nussschale. Der Ring erinnert mich an wunderbare Tage in meinem Leben – und an eine der besten Nächte. Die Erinnerung trägt bis ins Heute hinein: Manchmal gelingt es mir, zurückzudenken und mich erneut daran aufzuladen. Im Winter vor einigen Jahren, im Sommer, da, wo ich bin: Ich wandere einem langgezogenen Strand entlang, in einer einsamen Bucht mit dem klingenden Namen «Wineglass Bay», auf einer kleinen Insel am anderen Ende der Welt …

→ Weiterlesen

O Wunder: Gegenüber dem Virus bleibt die Ökonomie für einmal leise

Säkularisierung bedeutet für westliche Gesellschaften historisch die zunehmende Verweltlichung respektive Loslösung des Menschen von der Religion im Zuge des Humanismus und der Aufklärung. Im späteren und engeren Sinne die Trennung von Kirche und Staat. Ein Zustand, den wir heute als Voraussetzung für Demokratie zurecht voraussetzen. Was wir ausblenden: Das damit an die Macht gekommene Bürgertum etablierte eine andere, neue Bindung, die dem Staat neue, aber ebenso wirksame Fesseln umlegte: die der Ökonomie. Und der Fetisch-Charakter dieser neuen Abhängigkeit trägt immer absurdere Züge, die unübersehbar an den früheren Religionseifer erinnern. Nicht zufällig werden die Börsen-Nachrichten gebetsmühlenartig vor dem «Rendez-vous am Mittag» und damit vor der versammelten Familie um den Mittagstisch zelebriert.

→ Weiterlesen

Zeit der Utopien

Und dann begann der Sommer 2019, der in der Schweiz als Wendepunkt in die Geschichte eingehen wird. Eine neue Politisierung erfasste das Land. Zehntausende Kinder und Jugendliche schlossen sich der weltweiten Klimabewegung an und trugen ihre Sorgen lautstark in die Städte. «Wäm sini Zuekunft? Öisi Zuekunft!», hallte es durch die Strassen. Und, radikaler: «System change – not climate change!» In wenigen Monaten entstand die grösste Jugendbewegung der Schweizer Geschichte. Zeitgleich formierte sich eine neue Frauenbewegung, die im Juni 500 000 Menschen auf die Strasse brachte. Auch sie fordern einen grundlegenden Wandel: unbedingte Gleichstellung, ein Ende der Diskriminierung und einen Umbau des kapitalistischen Systems. Im Herbst folgten in der Schweiz die nationalen Wahlen und mit ihnen die grössten parteipolitischen Verschiebungen, welche der Schweizer Bundesstaat je erlebt hat. Mehr Frauen, mehr Grün!

→ Weiterlesen

Der Umbau wird die Arbeitswelt verändern

Ohne Abkehr vom Wachstum gibt es keine Klimaneutralität, sagt Ökonomin Irmi Seidl. Es brauche eine Änderung der Anreize bei Verkehr und Landwirtschaft. Und ein neues Verständnis von Arbeit. Bernhard Ott, Redaktor bei der Zeitung «Der Bund», sprach mit Prof. Dr. Irmi Seidl,sie ist die Leiterin der Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozial-Wissenschaften an der Eidg. Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf. Die Schweiz will bis 2050 klimaneutral werden, ohne beim Wohlstand Abstriche zu machen. Kann das klappen? «Es kommt darauf an, was man unter Wohlstand versteht. Für das hohe Bruttoinlandprodukt bezahlen wir bereits heute einen hohen Preis: Wir haben Arbeitsstress, Lärm- und Luftbelastung und zunehmende Gesundheitsprobleme. Mehr Wohlstand und Zufriedenheit entsteht heute aber nicht mehr durch die Steigerung der Produktion.» Umweltministerin Simonetta Sommaruga und EU-Ratspräsidentin Ursula von der Leyen … → Weiterlesen

Gemeinsam ökologisch bauen

Die Baubranche ist ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor, gehört aber auch zu den besonders ressourcenintensiven Industriesektoren. Die Biodiversität kann volkswirtschaftlich nicht klar quantifiziert werden, bildet jedoch die Grundlage unseres Lebens und damit auch unserer Wirtschaft. Wie passt das zusammen? Was braucht es, dass Gebäude in einem umfassenden Sinn nachhaltig sind und keine Altlasten werden, die wir nachkommenden Generationen hinterlassen? Wenn man sich im Siedlungsgebiet umschaut, hat man nicht den Eindruck, dass Biodiversität im Bauwesen von Bedeutung ist. Unsere Gesundheit sowie Wohlfahrt, Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz basieren jedoch auf widerstandsfähigen Ökosystemen und einer hohen biologischen und landschaftlichen Vielfalt. Deren nachhaltige Nutzung dient also letztlich der Erhaltung unserer Lebensgrundlagen. Wie können wir nun bauen, dass Gebäude und ihre Umgebung den Bewohnern sowie Tieren und Pflanzen vielfältige Lebensräume … → Weiterlesen

Das Rätsel der Ankunft

Es gab Monate im vergangenen Jahr, in denen ich nie länger als fünf Tage am gleichen Ort und die Butter in meinem Kühlschrank immer ranzig war. Ich bin nicht die Einzige, die so lebt. Wenn ich mit Freunden spreche, erzählen sie zuerst von ihrem Yogatrip nach Bali oder wie sie sich in Kalifornien selbst gefunden haben. Wenn ich durch meinen Instagram-Feed scrolle, sehe ich sie auf Partys in Argentinien oder surfend an der Küste Portugals. Aus einer Umfrage der Unternehmensberatung Deloitte geht hervor, die Welt zu entdecken sei das oberste Ziel der Generation Y – dazu gehören Personen der Jahrgänge 1981 bis 1998, also auch ich. Wir wollen in Indien Elefanten sehen und in Australien arbeiten, bevor wir uns auf einen Ort festlegen, an dem wir die Windeln unserer Kinder wechseln. Wir wollen etwas erleben, bevor wir ankommen.

→ Weiterlesen

Demokratie in Zeiten der Konfusion

Das «Umweltdorf» ist eine Form, wenn auch eine hypothetische Form von Sozialität. In einem der ersten Gespräche über dieses Projekt sagte Nadine, es klinge schon etwas «jöö», dieses Wort. Das ist ja vielleicht beabsichtigt. Aber das Thema und diese Initiative haben mit Soziologie, also der Wissenschaft, die sich mit der theoretischen Erforschung des sozialen Verhaltens befasst, zu tun. Und, wie es der Name sagt, mit den aktuellen Diskussionen rund um unsere Umwelt und das Klima. Wir lassen uns aber auch leiten durch den Gedanken, dass Werte, individuelle Werte und Wertesysteme in Gruppen eng verknüpft sind mit den Emotionen des Menschen. «Das Dorf», die menschlichen Beziehungen stecken in einer Krise. Globalisierung und die Digitale Revolution führen zu einer Gesellschaft, die sich erst am Horizont abzeichnet.

→ Weiterlesen